ADHS-Personen wird vieles nachgesagt. Sie haben vielerlei wahrgenommene Probleme und Schwierigkeiten, sind laut, unberechenbar, diskutieren gerne, können nie stillsitzen, sind schlecht in der Schule, kommen aus sozio-ökonomisch benachteiligten Familien und so weiter. Ich könnte hier eine sehr lange Liste von Symptomen aufführen, die mit ADHS in Verbindung gebracht werden. Wie alle anderen haben natürlich auch Personen mit ADHS Stärken. Diese werden inzwischen auch hier und da mal aufgegriffen und „erwähnt“. Wenn über die Stärken und Fähigkeiten gesprochen oder geschrieben wird, sind diese aber oft „trotz“ ADHS vorhanden, nicht „aufgrund“. Zunächst einmal muss man sagen, dass „Stärken und Schwächen“ Konstrukte sind, die in unterschiedlichen Gesellschaften unterschiedlich bewertet werden.
Unter der Überschrift „ADHS und Stärken“ las ich heute Morgen auf einer Seite die folgenden Sätze
„Stark umstritten ist, ob eine psychische Störung wie die ADHS tatsächlich eine überdurchschnittliche Entfaltung von Ressourcen begünstigen kann, wie es etwa bei einigen Fällen von Autismus im Sinne von Inselbegabungen (Savant-Syndrom) zu beobachten ist.“
Und weiter:
„Zudem können übermäßiges, unrealistisches Loben und überhöhte Erwartungen, die in einem Kontext mit den (vermeintlichen) Veranlagungen des Betroffenen kommuniziert werden, die Entwicklung unrealistischer Selbstkonzepte begünstigen.“
Der erste Satz ist, bezogen auf Autismus, leider schon falsch. Es gibt Savants, die autistisch sind (ca. 50 %), aber eben genauso viele, die es nicht sind. Insgesamt wird geschätzt, dass es eine dreistellige Anzahl von Personen weltweit gibt, die Inselbegabungen haben. Dieses „Syndrom“ hat also zunächst nichts mit Autismus zu tun. Autistische Personen, wie viele andere auch, verfügen aber häufig über Themen, denen sie sich sehr intensiv widmen und in diesen dann auch sehr sicher sind. Es ist aber ein sehr intensives Interesse, keine besondere Begabung. Diese Vermischung wird häufig vorgenommen, führt allerdings dazu, dass autistische Personen als Genies wahrgenommen werden, und ihre Bedarfe dann im Umkehrschluss nicht ernst genommen werden. Es werden mit diesem Satz Vorurteile reproduziert, und „einige Fälle“ ist schlicht eine Übertreibung. Es ist umgekehrt: Bei einigen Savants, der Hälfte um genau zu sein, kommt auch Autismus vor. Wir sprechen also von wenigen Personen weltweit, die autistisch sind UND inselbegabt.
Ich nehme an, dass es unter den Savants auch blonde Personen oder Brillenträger*innen gibt, und niemand würde sagen, dass einige blonde Männer und Frauen eine Inselbegabung haben, oder die Brille mit der Inselbegabung korreliert. Diese Sätze sind nicht nur aus einer autistischen, sondern auch aus einer ADHS-Perspektive problematisch. Autistische Personen sind vielfältig wie jede andere Personengruppe auch. Selbstverständlich haben autistische Personen vielerlei Stärken, ebenso, wie Schwierigkeiten und Probleme. Und genau das trifft auch auf ADHS-Personen zu.
Worum geht es denn eigentlich in diesen Sätzen? Möchte man verhindern, dass etwas glorifiziert wird, was in der Gesellschaft als problematisch, als Störung wahrgenommen wird? Möchte man verhindern, dass Personen aufhören, ihr ADHS als solche Störung zu betrachten? Warum bringt man in diesem Zusammenhang Autismus ins Spiel (rw)? Bei dieser sogenannten Störung ist es anscheinend in Ordnung, wenn man diesen Inselbegabungen unterstellt. Warum ist es bei ADHS nicht in Ordnung, besondere Fähigkeiten zu unterstellen? Was genau ist schlimm daran, wenn Kinder und Erwachsene Stärken an sich wahrnehmen, die sie mit ihrer speziellen Neurologie in Verbindung bringen?
Wenn ich beispielsweise wahrnehme, wie viele ADHS Personen im Hyperfokus stundenlang hoch konzentriert arbeiten können, wenn ich selbst erlebe, wie manche Menschen mit ADHS die doppelte Arbeitsleistung erbringen können, wie kreativ und flexibel man häufig ist, wie man häufig in Notsituationen die Fassung behält, dann sehe ich dies durchaus als Stärke. Und es ist okay, diese Stärken zu bemerken und auch zu benennen. Neurotypische Personen haben ebenfalls Stärken und Schwächen. MENSCHEN haben Stärken und Schwächen. Es gibt viele Personen mit ADHS, die sehr eingeschränkt sind und es am liebsten los wären. Aber jeder Mensch kann Dinge leisten, Dinge entwickeln, teilhaben. Wenn man diese allerdings nur eingeschränkt zugestanden bekommt, dann fühlt sich das sehr falsch an. Ja, ADHS ist nicht „normal“. Es ist eine Abweichung einer definierten Norm. Es wird pathologisiert und es gibt ja sogar Medikamente, die einzelne Symptome lindern können. Das ist auch gut so, dass es diese Medikamente gibt. Aber es würde sicherlich niemand auf die Idee kommen, über ein neurotypisches Kind zu sagen „Übermäßiges Lob kann dazu führen, dass man unrealistische Selbstkonzepte“ entwickelt. Man würde wohl auch kaum sagen, dass jemand eine Sache gut kann, obwohl er neurotypisch ist. Warum also sagt man das über ADHS? Was ist die Gefahr, wenn Personen mit einer Diagnose aus dem ADHS-Spektrum sich selbst als Wesen mit Stärken wahrnehmen? Ich verstehe es schon. Es geht nicht um Stärken generell. Es geht um Stärken, die mit ADHS in Verbindung gebracht werden. Es ist richtig und wichtig, realistisch zu sein. Und es gibt tatsächlich Personen, die sich aufgrund ihres ADHS oder Autismus selbst als übermenschlich wahrnehmen. Das ist problematisch. Aber das sind die allerwenigsten. Die meisten Personen, die autistisch sind oder ADHS haben, lernen von klein auf, dass sie und ihr Verhalten falsch ist, dass sie Dinge nicht so gut können, wie andere. Sie werden benachteiligt und müssen mit Vorurteilen bezogen auf sich selbst umgehen, von Anfang an. Gerade neurodivergente Kinder sollten ihre Stärken viel mehr aufgezeigt bekommen, und sollten empowert werden.
Und, ist es nicht auch so, dass jede Person auf diesem Planeten ihre oder seine Stärken erst dann zeigen und nutzen kann, wenn die Umgebung ideal ist? Was nützt es einer Person, am schnellsten Laufen zu können, wenn diese Fähigkeit nicht gefragt ist? Wäre es nicht viel sinnvoller, Personen mit ADHS zu erklären, dass sie viele Dinge tun können, wenn die Umstände passen, statt zu behaupten, eine Fixierung auf Stärken wecke falsche Hoffnungen? Ja, ich bin der Ansicht, dass es Dinge gibt, die man als Stärken definieren kann, die man aufgrund einer Neurodivergenz wie Autismus und ADHS hat, nicht obwohl. Und ich bin keine Sekunde lang neidisch darauf, dass es neurotypische Personen gibt, die Dinge besser können, als ich, weil sie neurotypisch sind. Das ist Vielfalt. Jeder kann etwas Anderes gut. Und einige können aufgrund ihres Körperbaus gut und schnell laufen, andere können aufgrund physischer Gegebenheiten besser klettern, als andere. Das Problem struktureller Benachteiligung wird in diesen Sätzen als ein Problem des Individuums betrachtet. Egal wie man es dreht, „wir“ sind falsch. „Wir“ haben unrealistische Erwartungen. „Wir“ dürfen keinesfalls empowert werden, denn das führt zu Selbstüberschätzung. Und am guten Ende ist auch das mein gutes Recht. Ich darf scheitern. Ich darf es versuchen und immer wieder falsch machen, wenn ich das möchte. Ich habe ein Recht darauf, zu scheitern. Und ich habe ebenso ein Recht darauf, mich selbst als Wesen mit Stärken wahrzunehmen, die ich habe, weil ich neurodivergent bin und nicht obwohl.