Feminismus ist ein Wort, welches bei vielen Menschen Unbehagen auslöst. Bei dem einen, weil sie es total sinnlos finden, schon wieder darüber zu sprechen. Feminismus als Wort reicht schon, um beim Gegenüber ein Augendrehen und/oder verächtliches Schnauben auszulösen. Ich kenne privat viele Menschen, besonders Männer, die sofort abwinken, wenn man mit diesem Thema anfängt. Ehemänner, Väter, Brüder.
Sie assoziieren, dass Feministinnen Frauen sind, die ihre BHs verbrennen, die Männer am liebsten ausrotten wollen und die … lassen wir das.
Bei den anderen löst es Unbehagen aus, weil sie sofort wissen, dass dringend noch ganz viel passieren muss, damit Frauen nicht länger benachteiligt werden. Vor einigen Wochen zeigten die TV-Moderatoren Joko und Klaas in einem ihrer Videos auf, wie es deutschen Frauen im Internet und auch im echten Leben so ergeht. Jede zweite, fanden sie heraus, sei in ihrem Leben schon einmal sexuell belästigt worden. Zählen sie ab, jede zweite Frau ihn ihrem Umfeld. Nicht alle werden darüber gesprochen haben. Vielleicht werden einige aktuell, gerade jetzt, belästigt oder genötigt. Jede vierte Frau in Deutschland, war oder ist Opfer häuslicher Gewalt.
Jede vierte. Wir alle kennen Frauen, die zuhause von ihren Partnern physisch oder psychisch misshandelt werden. Dies betrifft alle Frauen in Deutschland, auch Akademikerinnen oder Politikerinnen. Generell werden Frauen auch heute noch, in unserem doch aufgeklärten Land, benachteiligt. Wir haben noch immer nicht flächendeckend die gleiche Bezahlung bei gleichem Beruf, und nach wie vor gibt es viele Bereiche, in denen Frauen einfach schlechtere Chancen haben, weil sie Frauen sind. Wir müssen über Feminismus reden, vor allem müssen wir aber über eine bestimmte Frauengruppe und Feminismus reden.
Frauen mit Behinderung betrifft das alles NOCH viel häufiger.
In der Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen, und Jugend
gab fast die Hälfte der Befragten an, im Lauf ihres Lebens sexualisierte Gewalt erfahren zu haben. Frauen mit Behinderung erfahren außerdem fast doppelt so häufig wie nichtbehinderte Frauen körperliche Gewalt im Erwachsenenalter: 3 von 5 Befragten berichteten davon.
70-90% der in Einrichtungen der Behindertenhilfe lebenden Frauen gaben Erfahrungen psychischer Gewalt an.
Als Mutter von Töchtern mache ich mir ohnehin viele Gedanken darüber, dass sie, statistisch betrachtet, sicherlich in ihrem Leben einmal Erfahrungen machen werden, die man als Belästigung bezeichnen kann. Ich werde sie davor nicht schützen können. Ich selbst habe, wie die meisten anderen Frauen, diese Erfahrungen auch gemacht. Sprüche, Pfiffe, Verfolgungen, eine Berührung, eindeutige Nachrichten bei Social Media. Ich habe eine Tochter aus dem autistischen Spektrum. Ich habe Freundinnen aus dem autistischen Spektrum. Ich mache mir große Sorgen um sie alle. Ich mache mir Sorgen, dass sie aufgrund ihrer Weiblichkeit bereits grenzüberschreitende Erfahrungen gemacht haben, oder noch machen werden. Ich mache mir Sorgen, dass sie aufgrund ihres Autismus derartige Erfahrungen gemacht haben oder noch machen werden. Vielleicht weil sie die Absichten des netten Gegenübers nicht abschätzen können, und dann in Situationen geraten, in denen Dinge passieren, zu denen sie nicht zugestimmt haben. Oder vielleicht, weil sie aufgrund ihrer Beeinträchtigung auf Hilfe im Hilfesystem angewiesen sind, und grenzüberschreitende pflegerische Tätigkeiten nicht als solche erkannt werden. Gerade in Institutionen gibt es häufig Übergriffe, sei es durch Mitbewohner/Kollegen, als auch durch Betreuende.
Es gibt aber, neben diesem schlimmen Umstand, dass Frauen mit Beeinträchtigung Gewalt erfahren, auch viele andere Bereiche, in denen diese Frauen benachteiligt werden. Bei autistischen Frauen beginnt das oft schon vor der Diagnostik. Ebenso wie bei ADHS werden Mädchen häufig übersehen. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass Mädchen und Frauen, wenn sie sich autistisch verhalten, sich häufig so verhalten, wie die Gesellschaft es ohnehin von Frauen erwartet. Ein ruhiges Kind, was sich stundenlang alleine beschäftigen kann, ist ein Segen, nichts, weshalb man den Arzt alarmieren muss (Ironie). Zum anderen ist es so, dass wir auch heute noch in einer Welt leben, in der die Datenwelt männlich ist. Das bedeutet, dass sämtliche medizinischen Daten, von Blutwerten bis zu Symptomen, auf den Erkenntnissen der Untersuchungen von männlichen Körpern basieren. Jedes Jahr sterben Frauen an Herzinfarkten, weil man ihre Symptome als untypisch betrachtet hat. Tatsächlich sind sie aber typisch für weibliche Herzinfarkte. Und das gleiche Problem haben wir in der Autismus-Diagnostik. Sämtliche Tests und Untersuchungsinstrumente sind auf den männlichen Menschen ausgelegt. Das führt dazu, dass die Gesellschaft noch immer wahrnimmt, dass es mehr männliche autistische Personen gibt. Tatsächlich sind aber die vielen Autistinnen unter uns oft schlicht unerkannt. Das führt häufig zu weiteren Problemen. Ein Mensch, der sich zwar ständig anders fühlt, dafür aber keine Erklärung hat, der keinen Anschluss findet, der die anderen nicht versteht, der wird die Schuld bei sich selbst suchen. Das führt wiederum zu Folgeschäden, Komorbiditäten und es frisst vor allem Energie.
Aber was können wir daran ändern?
Wir müssen darüber sprechen. Wir müssen so laut darüber sprechen, dass niemand es überhören kann. Sprache schafft Realität. Ich möchte nicht, dass wir Frauen warnen müssen, auf sich zu achten, ich möchte, dass Jungen zu Männern erzogen werden, die respektvoll mit Frauen und allen anderen Menschen umgehen. Ich wünsche mir, dass sich die Möglichkeiten für autistische Mädchen ändern, dass die Diagnosekriterien erweitert werden, um Mädchen nicht mehr zu übersehen. Zunächst aber müssen wir darüber reden. Fangen wir jetzt damit an!